Abschnitt I - Ortschronik (1914-1918)
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Ortschronik
Schon einige Zeit vor der Kriegserklärung herrschte in der Stadt eine gewaltige Aufregung. Jeder ahnte, was im Anzuge war. Auf den Straßen bildeten sich Gruppen, die lebhaft miteinander diskutierten. Des Abends
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durchzogen gewaltige Scharen die sonst so einsamen Straßen der Stadt. Besonders in der Berliner und Kökerstraße war ein so großes Gemenge, daß der Verkehr stockte. Die Zeitungen brachten durch Anschlag die neuesten Nachrichten. Erst gegen elf Uhr wurde es allmählich stiller. Der Höhepunkt trat ein, als am Freitag, den 31.7. durch große Plakate der Kriegszustand verkündet wurde. Alle sahen darin den Vorläufer der Mobilmachung. Die ersten Gestellungsbefehle wurden ausgeteilt. Gymnasiasten unterstützten die mit Arbeit überhäuften Beamten. Auf den Straßen ertönten patriotische Lieder, in den Wirtschaften herrschte ein fürchterliches Gedränge. Des Abends fuhren die ersten (besonders 58er Artillerie) ab. Es regnete Liebesgaben. Glück- und Segenswünsche nahmen kein Ende; aber auch manche Träne wurde vergossen. Samstag, den 1.8. abends gegen 6 Uhr wurden überall weiße Zettel angeschlagen. Darauf stand:
Se. Maj. der Kaiser hat die Mobilmachung befohlen. Erster Mobilmachungstag ist
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der 2. August, zweiter Mobilmachungstag ist der 3. August u.s.w.
Keine Klage, kein Murren ertönte. Helle Begeisterung leuchtete aus den Augen der Gütersloher. Kampfesmut strahlte aus den Augen der Kasernisten, die den Tag ihres Eintritts mit Sehnsucht erwarteten. Hunderte meldeten sich freiwillig. Manche, die in Bielefeld, Minden, Bückeburg oder Detmold wegen eines Körperfehlers oder des jugendl. Alters nicht angenommen wurden, machten Reisen nach allen möglichen Garnisonen, bis sie schließlich das Ziel ihrer Wünsche erreicht hatten. Jeden Tag fuhren Einberufene ab. Mit einem Köfferchen oder einer Pappschachtel in der Hand ging es, von Freunden und Verwandten begleitet, zur Bahn. Die vor der Hochzeit standen, ließen sich kriegstrauen. Eines Aufgebots bedurften sie nicht. Im einfachen Kleide von zwei Zeugen begleitet, zogen sie zur Kirche. Zu jeder Tageszeit fanden solche Kriegstrauungen statt. Jede äußere Feier fiel fort.
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Für die eingezogenen Reserven, für die Munitions- und Trainkolonnen fehlte die Bespannung. Die Pferdebesitzer zogen mit ihren Tieren nach Rheda. Dort fand eine Musterung statt. Die "felddienstfähigen Gäule" wurden behalten und gut bezahlt. Die Bauern benutzten nun Ochsen und Kühe bei ihren landwirtschaftlichen Arbeiten. Da nur noch wenig Pferde vorhanden waren, gingen die Preise ganz gewaltig in die Höhe. Rosse, die man sonst mit 250 - 300 M bezahlte, kosteten nun 600 - 800 M. Der Fahrplan der Eisenbahn erfuhr große Veränderungen. Es fielen immer mehr Züge aus, zuletzt verkehrten in jeder Richtung nur noch zwei. Schon bald begann der Transport der Truppen. Zug auf Zug (alle 10 Minuten) rollte durch den Bahnhof und fuhr gen Westen. Hier in G. war eine Verpflegungsstation errichtet. Die Truppen stiegen aus und erhielten in großen Baracken warmes Essen. Tausende standen an der Bahn, um die Soldaten zu sehen. Diese hatten die Wagen
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bemalt und beschrieben. Drollige Bilder und Inschriften konnte man sehen. Das Hurrarufen und Singen (besonders ertönte Die Wacht am Rhein) nahm kein Ende. - Da die Möglichkeit vorlag, daß Spione die Bahnlinien und -brücken durch Sprengungen beschädigen konnten, mußten diese geschützt werden. Landsturmleute und Bahnbeamte mit Gewehr hielten bei Tag und Nacht Wache. An den Eingängen der Stadt standen Posten. Diese mußten sämtliche Automobile anhalten. Auch beim Rathause sah man stets 2 Mann mit Gewehr. Es waren Zivilisten (Lehrer, Kaufleute, Beamte), sie hatten sich freiw. gemeldet. Nahte ein Auto, so wurde ein Wagen quer über die Straße geschoben. Die Insassen des Autos mußten sich legitimieren, dann durften sie weiterfahren. Spione sind hier nicht abgefaßt. Der Krieg zeigte schon gar bald seinen Einfluß auf das Leben der Bevölkerung. In der Landwirtschaft fehlte es an Arbeitskräften. Es boten sich die Schüler der höheren Lehranstalten zur Aushilfe an. In diesem Schulbezirk jedoch gelang es den Leuten durch gegen-
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seitiges Beistehen die Ernte unter Dach und Fach zu bringen und auch die Bestellungsarbeiten zu erledigen. Gleich zu Anfang der Mobilmachung kauften viele Leute große Mengen an Lebensmitteln ein. Manche Geschäfte wurden fast gestürmt, einzelne Waren waren im Nu ausverkauft. Diese Masseneinkäufe hatten eine starke Preissteigerung auf dem Lebensmittelmarkte in der Folge. Einige Geschäftsleute haben sich nicht gescheut, die Preise für verschiedene Lebensmittel, besonders Salz, Mehl, Kartoffeln, die sie zu niedrigen Preisen eingekauft hatten, in unverschämter Weise zu verteuern nur (um) ihre Mitmenschen in dieser ernsten Zeit zu bewuchern. (Salz 15 Pf., 20 Pf, ja 25 Pf. Pfund) Viele stellten Vorräte zurück, um später höhere Preise zu erzielen. Auf Drängen der Leute setzte deshalb die Behörde Höchstpreise fest. Das 'Rote Kreuz' hatte ein weites Arbeitsgebiet. Es wurden Haussammlungen veranstaltet, auf dem Rathause wurde eine Sammelstelle eingerichtet. Reichlich flossen die Gaben. Die durchfahrenden Krieger und Soldaten erhielten auf dem Bahnhofe von Helferinnen des R. Kr.
Randnotiz:
Amtl. Preis-Verzeichnis
- Weizenmehl 0,20 M
- Buchweizenmehl 0,24 M
- Roggenmehl 0,16 M
- Graupen 0,25 M
- Erbsen 0,20 M
- Salz 0,11 M
- Reis 0,25 M
- Zucker 0,27 M
- Schweinefleisch 0,85 M
- Speck 0,85 M
- Schmalz 0,80 M
- Rindfleisch 0,85 M
Vorstehende Preise sind Höchstpreise
Gütersloh, 7.8.1914
gez. Tummes, Bürgerm.
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Erfrischungen und Butterbrot, Zigarren, Zeitungen, Postkarten, Briefpapier u.s.w. Die ersten Verwundetenzüge fuhren durch. Die Sanitäter und das Personal der Verpflegungsstation hatten reichlich Arbeit. Im kath. und ev. Krankenhause wurden Reservelazarette zu je 50 Betten eingerichtet. Schon bald waren alle belegt. Es regnete Liebesgaben für die wackeren Kämpfer. Kurze Zeit nach der Einlieferung starb einer von ihnen. Er wurde in militärischer Weise auf dem neuen ev. Friedhofe zur letzten Ruhe bestattet. Nicht lange darauf faßte man den Plan, einen Ehrenfriedhof zu errichten. Dafür wurde der vordere, nach Norden gelegene Teil des alten Kirchhofs bestimmt. Die Leiche des 1. Kriegers wurde ausgegraben und dort beigesetzt. Um Gottes Schutz und Segen in besonderer Weise zu erflehen, wurden Kriegsandachten abgehalten. Diese fanden jeden Abend statt. Die Beteiligung war sehr groß. Schon bald kamen die ersten Freudennachrichten. Unsere tapferen Truppen hatten
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im Westen und Osten große Siege errungen. Die Zeitungen gaben Extrablätter heraus. Die Glocken läuteten, Böllerschüsse wurden abgef. Dann eilten die Leute freudig auf die Straße. Große Scharen zogen zum Rathause. Dort wurde eine kleine Siegesfeier abgehalten. Zuerst erklang ein Danklied zum Lenker der Schlachten dort oben. Dann hielt ein Mann aus der Menge eine patriotische Ansprache. Das Lied der Deutschen schloß die kleine, aber zu Herzen gehende Feier. Auf allen Häusern flatterten den Tag über die Siegesfahnen. Die Zahl der Gefangenen wuchs mit jedem Tage. Die Militärbehörde beschloß, die Heilanstalt in ein Gefangenenlager umzuwandeln. Nun wurde Gütersloh auch Garnison, das 23. Landsturmersatzbatl. kam nach hier. Es diente zur Bewachung der Gefangenen und zur Ausbildung der Rekruten. Als die ersten feindl. Offiziere hier eintrafen, eilte alles hinaus, sie zu sehen. Es waren Belgier, Franzosen und Engländer. Bald kamen auch über 600 Russen. Viele von ihnen waren
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mit dicken Lammfellmützen und -mänteln bekleidet. Auch Mongolen waren darunter. Gützel hatte was zu gucken! Durch Einberufung der Reserven und der Landwehr waren viele Familien ihres Ernährers beraubt. Es galt, sie vor Not und Elend zu schützen. Der Staat zahlt ihnen die gesetzlich vorgeschriebenen Sätze. Dieses zog sich aber etwas hin, da die gesetzl. Formalitäten erst erfüllt sein mußten. Die private Wohltätigkeit setzte sofort ein. Bei der Sammelstelle im Rathause gingen große Summen ein. Nicht nur Geld, auch Lebensmittel erhielten die dürftigen Familien. Die Stadtverordneten beschlossen am 4.9.14 25 000 M für die Familien bedürftiger Kriegsteilnehmer zu bewilligen. Eine Reihe von Fabrikanten u. Kaufleuten beschloß, an die Angehörigen ihrer Beamten und Arbeiter den vollen Lohn oder weniger weiter zu zahlen. - Die staatliche Unterstützung beträgt für Ehefrauen 9 M monatlich (in den Wintermonaten 12 M), für jedes Kind unter 15 Jahren monatlich 6 M. Auch der Kreis zahlt - und zwar leistet er einen Zuschuß bis zu 100% der Staatsun-
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